Wirkung

Ganzkörper- oder Hand-Arm-Schwingungsbelastungen führen zu unterschiedlichen akuten und chronischen Reaktionen des menschlichen Körpers (HARTUNG 1996). Unter einer akuten Schwingungsbeanspruchung wird dabei die plötzliche und unmit- telbare Reaktion des menschlichen Organismus bezeichnet. Hierzu zählen:
  • die subjektive Schwingungswahrnehmung
  • das biodynamische Schwingungsverhalten des Körpers
  • die Muskelreaktionen betroffener Muskelgruppen
  • die Schwellenwertverschiebung der Vibrationssensibilität der Haut und
  • die Änderung der peripheren Durchblutung der Haut

Bildet sich durch eine intensive und langjährige Belastung die Zustandsänderung des Organismus nicht mehr zurück, dann liegt eine chronische Schwingungsbeanspruchung vor.

 

Typische Symptome chronischer Beanspruchung durch HAS

Vibrationsbedingtes Vasospastisches Syndrom

Das langjährige Arbeiten mit vibrierenden Arbeitsgeräten kann bei Kältekontakt zu zeitweiliger Unterbrechung der Durch- blutung und damit verbundener Weißfärbung der Finger führen (Bild 8). Diese Durchblutungsstörungen werden nach dem französischen Arzt Raynaud, der 1862 dieses Syndrom beschrieben hat, als sekundäres Raynaud-Syndrom bezeichnet. Andere Bezeichnungen lauten Weißfingerkrankheit oder Vibrationsbedingtes Vasospastisches Syndrom (VVS).

Wie in Deutschland (Berufskrankheit Nr. 2104 - Vibrationsbedingte Durchblutungsstörungen der Hände) ist diese Erkrankung in vielen Ländern als Berufskrankheit (Vibrationinduces White Finger VWF) anerkannt (Bild 8).
Bezeichnend für diese Erkrankung ist, dass die Finger der Betroffenen nicht permanent schlecht durchblutet sind. Besonders Kälte oder Vibrationen lösen eine Weißfingerattacke aus, wobei meist nur einige Finger (hauptsächlich Ring-, Mittel- und Zeigefinger) betroffen sind, in schweren Fällen jedoch alle Finger betroffen sein können (DUPUIS und RIEDEL 1997-2). Die Zeitdauer der Anfälle geben die Erkrankten mit 10 bis 60 Minuten an.
Zur objektiven Diagnose der Weißfingerkrankheit wird meist der Kälteprovokationstest, der die Wiedererwärmung der
Fingerkuppen nach einem Kaltwasserbad aufzeichnet, eingesetzt (RIEDEL und DUPUIS 1997) (Bild 9).

Am häufigsten betroffen sind Motorsägenführer, Gussputzer und Steinmetze, deren Arbeitsgeräte Schwingungen oberhalb eines Frequenzbereichs von 30 bis 50 Hz erzeugen. Seit Einführung von Antivibrationshandgriffen und arbeits- organisatorischen Maßnahmen Ende der siebziger Jahre ist eine Reduzierung des Auftretens von VVS bei berufstätigen Waldarbeitern zu erkennen. Studien von DUPUIS und RIEDEL (1997-1) haben außerdem aufzeigen können, dass sich nach ca. 4 Jahren nach Aufgabe der Schwingungsexposition bei 45 % der Waldarbeiter eine Besserung des Gesundheitsstatus eingestellt hat.
Neben den Durchblutungsstörungen stellt sich sehr häufig auch ein Taubheitsgefühl verbunden mit Kribbeln und Nadelstiche in den Finger und eine Reduzierung der feinmotorischen Geschicklichkeit ein. Nach LIDSTRÖM (1974) äußern sich diese Nervenfunktionsstörungen durch Gefühllosigkeit und Parästhesien in den Händen und zum Teil auch in den Armen.
Die Messung der Vibrationssensibilität (als Pallästhesiometrie bezeichnet) kann als objektive Diagnose dieser sensorischen Störungen angewendet werden (AHREND und DUPUIS 1996, RIEDEL 2007) (Bild 10).

Degenerative Veränderungen der Knochen und Gelenke

Arbeitsgeräte mit niederfrequenten Schwingungen (< 50 Hz) können beim Bediener zu Abnutzungserscheinungen der Gelenkoberflächen, Arthrosis deformans des Hand- und insbesondere des Ellenbogengelenks sowie Verknöcherung an den Seiten des Sehnenansatzes führen, wobei zwischen der Schwingungsexposition und dem Resonanzbereich des Hand-Arm- Systems (10 bis 20 Hz) ein direkter Zusammenhang besteht. Diese „Abnutzungserscheinungen” treten oft auch nach Be- endigung der Schwingungsexposition noch auf und können sich sogar noch verschlimmern (DUPUIS, HARTUNG und KONIETZKO 1998).

Seit 1929 wird in Deutschland diese Erkrankung als Berufskrankheit (seit 1976 – BK 2103: „Erkrankungen durch Erschütterung bei Arbeit mit Druckluftwerkzeugen oder gleichartig wirkenden Werkzeugen oder Maschinen”) anerkannt. Betroffen sind hierbei Bergleute, Bauarbeiter oder Metallarbeiter, die nach DUPUIS, HARTUNG und KONIETZKO (1998) mindestens zwei Jahre fünf Stunden täglich (bei 240 Arbeitstagen pro Jahr) mit vibrierenden Geräten gearbeitet haben.

 

Typische Symptome chronischer Beanspruchung durch GKS

Viele epidemiologische Untersuchungen (DUPUIS und ZERLETT 1984, SCHWARZE et al. 1997) konnten aufzeigen, dass Personengruppen, die lange Zeit Ganzkörper-Schwingungen ausgesetzt waren, in erhöhtem Maße degenerative Veränderungen in Bereich der Wirbelsäule aufwiesen. Seit 01.01.1993 wurde daher in der Berufskrankheitenverordnung BeKV die neue Berufskrankheit BK 2110 „Bandscheibenbedingte Erkrankung der Lendenwirbelsäule durch langjährige, vorwiegend vertikale Einwirkung von Ganzkörper-Schwingungen im Sitzen ...” aufgenommen.

Besonders niederfrequente Resonanzschwingungen (Resonanzfrequenz der Wirbelsäule in vertikaler Richtung liegt bei 3 bis 6 Hz) können beim sitzenden Menschen durch ständiges Stauchen und Streckung das Gewebe der Bandscheiben ermüden und die Widerstandskraft der Wirbelsäule herabsetzen. Andere Hypothesen gehen davon aus, dass Schwingungen Diffusionsstörungen zwischen den Zwischenwirbelscheiben hervorrufen können, was eine beschleunigte Bandscheiben- degeneration bewirkt (DUPUIS 1993).

 

Abbildungen (klicken zum Vergrößern)
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